Nahrungsmittelunverträglichkeiten machen nicht nur schlechte Laune. Ihre psychischen Auswirkungen können massiv sein, wie Julia Ross in ihrem Buch „Was die Seele essen will – Die Mood Cure“ schreibt. Jetzt gibt es das 2003 in den USA erstmals erschienene Werk auch auf Deutsch. Trotz inhaltlicher Schwächen hatte ich so manchen Aha-Effekt.
Die Autorin ist eine amerikanische Psychologin und Leiterin der Recovery Systems Clinic in Mill Valley in Kalifornien. Sie beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit dem Zusammenspiel von Ernährung und Psyche. Viele Menschen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit bestätigen, dass ihr Problem auf die Seele schlägt. Ursache ist laut Ross unter anderem die ungenügende Resorption wichtiger Nährstoffe durch die gestörte Verdauung. Als Folge komme es zu einer Störung der Körper- und Gehirnchemie mit Symptomen wie Depressionen, Angst, Panikattacken oder geringer Stessresistenz.
Als Beispiel nennt die Psychologin Gluten: Das Klebereiweiß in den Getreiden Weizen, Dinkel, Gerste und Roggen führt zu einer Entzündung des Dünndarms. Der Organismus kann Nährstoffe nicht richtig aufnehmen. Es kommt zu einer Mangelernährung. Außerdem hätten Menschen mit einer Glutenintoleranz einen niedrigen Spiegel des stimmungsaufhellenden und beruhigend wirkenden Serotonins, so Ross. Die Autorin verweist darauf, dass seit 1979 Gluten mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. Sie sei zu dieser Zeit auf einen Artikel in einer psychiatrischen Fachzeitschrift gestoßen. Dort las sie, dass Patienten mit Depressionen und manisch-depressiven Erkrankungen unter einer glutenfreien Ernährung Besserung erfuhren.
Auch die Milch sieht Frau Ross kritisch. Sie verweist auf die Unverträglichkeit von dem Kohlenhydrat Laktose und dem Milcheiweiß Casein. Autistische Kinder hätten oft eine Unverträglichkeit von Gluten und Casein. Ross las das erste Mal von den negativen Auswirkungen der Milch in einem Bericht eines Jugend-Bewährungshelfers. Nachdem bei manchen Wiederholungstätern eine Allergie auf Milch diagnostiziert wurde, verlor sich bei den Betroffenen unter einer Karenz Wut und Aggression.
Soja ist für Ross keine Alternative zur Milch. Die Bohne habe negative Auswirkungen auf stimmungsregulierende Sexual- und Schilddrüsenhormone sowie auf das Gehirn. Sie enthalte außerdem ein Protein, das den Verdauungsapparat schädigen könne.
Die Autorin plädiert aber nicht nur dafür, die unverträglichen Lebensmittel wegzulassen. Ihr Konzept sieht vor, die Ernährung auf hochwertiges Eiweiß, gute Fette und wenig, komplexe Kohlenhydrate umzustellen. Außerdem empfiehlt sie eine große Zahl an Nahrungsergänzungsmitteln. Diese Ratschläge nehmen einen weiten Teil des Buches ein.
Mein Fazit: Das Buch ist lesenswert und regt zum kritischen Ausprobieren an. Es hat mir die Augen geöffnet, welche großen, auch seelischen Auswirkungen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und die dadurch ungenügende Resorption von Nährstoffen haben können. Das Buch stellt so manche gängige Lehrmeinung auf den Kopf und gibt wichtige Impulse. Es lohnt sich bestimmt, einiges auszuprobieren. Inhaltlich halte ich es aber nicht für uneingeschränkt empfehlenswert.
Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Nährstoffmängeln können bestimmt Gründe für psychische Beschwerden sein, aber nicht die einzigen. Dieses Konzept ist mir zu einseitig.
Zur Fruktose-Intoleranz schreibt Ross leider nichts. Das ist schade, da viele Menschen mit einer Laktose-Intoleranz auch unter einer Fruktose-Malabsorption leiden. Dr. Maximilian Ledochowksi von der Universität Innsbruck weist gerade bei dieser Störung auf einen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Serotonin-Spiegel und Depressionen hin.
Warnen möchte ich vor ihrem Rat, bei einem Verdacht auf eine Gluten-Intoleranz zwei Wochen lang auf das Klebereiweiß zu verzichten. Es ist unabdingbar, erst eine Zöliakie mit einem Bluttest und einer Biopsie auszuschließen. Danach kann der Selbsttest losgehen. Nach einem mehrwöchigen Gluten-Verzicht lässt sich eine Zöliakie nicht mehr feststellen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Zöliakie und einer Glutenintoleranz ohne Zöliakie, der entscheidend für den Heilungsprozess ist: Bei einer Zöliakie muss sich der Betroffene glutenfrei ernähren. Ansonsten reicht es, glutenarm zu essen.
Da Ross die Ernährung so wichtig ist, hätte ich mir ein Kapitel über die Stärkung der Verdauungskraft gewünscht. Da ist sie leider dem Mainstream mit seiner Rohkost verhaftet. Wer aber schon eine schwache Verdauung hat, kann die Vitamine aus der ungekochten Nahrung gar nicht aufschließen. Das Gleiche gilt für Vollkornprodukte, die eine robuste Verdauungskraft erfordern. In diesem Bereich kann die westliche Medizin – ob konventionell oder naturheilkundlich – viel von der chinesischen Medizin lernen.
Besondere Schwierigkeiten habe ich mit der Empfehlung, ständig eine hohe Dosis an Nahrungsergänzungsmitteln einzunehmen. Es ist bestimmt sinnvoll, einen Mangel gezielt mit Zusatzstoffen auszugleichen. Doch eine ständige hohe Einnahme von Multivitamin- und Mineralprodukten halte ich für unnötig und in manchen Fällen sogar für schädlich. Besser ist es, zu einem Arzt des Vertrauens zu gehen, eventuelle Mängel analysieren zu lassen und dann Zusatzstoffe gezielt über eine bestimmte Zeit zuzuführen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall Wert – besonders für Menschen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit und ihrem drangsalierten Verdauungssystem. Da gibt es bestimmt den einen oder anderen Nährstoff-Mangel – mit größeren Auswirkungen als bisher angenommen.
Verlag: Klett-Cotta
ISBN-10: 3608946543
ISBN-13: 978-3608946543
Originaltitel: The Mood Cure. Take charge of your emotions in 24 hours using food and supplements